Burn Out


Wer ausgebrannt ist muß einmal Feuer und Flamme gewesen sein
Ist Burnout Schicksal der Überengagierten?

Vortrag von Dr. Helmut Klampfer

Burnout kann jeden betreffen; besonders aber sind Menschen in helfenden Berufen gefährdet.

Und auch hier sind es wieder gerade die Tüchtigen und Engagierten, die mit viel Idealismus diesen Beruf ergriffen haben.
Die sich einsetzen, viel von sich selbst hergeben, ohne auf eigene Reserven zu achten.
Die auch bereit sind manches Opfer zu bringen und oft selbstlos mehr Leistung bringen als eigentlich gefordert würde, sich damit aber überfordern.
Irgendwann, auch bei noch so idealistischen Menschen, kippt dann die Energiebilanz ins Negative und die Menschen fühlen sich zunehmend frustriert und ziehen sich zurück.
Wenn es dann über einen längeren Zeitraum immer wieder zu Enttäuschungen und Frustrationen kommt, entwickeln sich andauernde negative Einstellungen und Gefühle.

Nicht jeder Stresszustand am Arbeitsplatz ist jedoch gleich zu setzen mit Burnout. Unter einem "Burnout-Syndrom" (Ausgebrannt sein) versteht man einen Zustand völliger körperlicher und seelischer Erschöpfung als Auswirkung lang anhaltender Belastungen.

Entwicklung:

Ein Burnout-Syndrom wird nie nur von einem einzigen Stressfaktor verursacht,
ebensowenig brennt man von einem Tag auf den anderen aus.
Es handelt sich vielmehr um eine Kombination von arbeitsbedingten, persönlichen und manchmal auch gesellschaftlich bedingten Stressfaktoren. Genauso wie reale Stressoren und Überforderungen, können auch subjektive Interpretationen Fehleinschätzungen von Arbeitsanforderungen zu Burnout führen.


Entstehungsfaktoren:

I.Druck von außen:

1. Auf gesellschaftlicher Ebene können dies überfordernde berufliche Rollenzuschreibungen sein:

Typische Klischees:

  • Die Meinung, daß die Arbeit mit Kindern sowieso immer nur Vergnügen und Freude bereiten muß, sodass die Mühe und der erforderliche Aufwand keine Anerkennung und Wertschätzung finden.
  • Alle im pädagogischen Dienst stehenden Mitarbeiter sollen endlos geduldig alle Schwierigkeiten mit Kindern meistern.
  • Umfassende Kompetenz in Erziehungsfragen, möglichst noch die Fehler der Eltern auszumerzen, stellt sicher eine undurchführbare Anforderung dar, die, wenn sie als inneres Idealbild übernommen wird, sehr schnell zur Überforderung führen kann.

Gestiegene Anforderungen als Stressfaktoren:

  • Immer mehr Kinder kommen aus sämtlichen Kulturkreisen. Deren Integration ist selbstverständlich wünschenswert, erfordert aber Flexibilität und persönlichen Aufwand ( z.B. für Elternarbeit).
  • In den letzten Jahren ist oft auch ein Ansteigen des Aggressionspotential unter Kindern erkennbar, über dessen Ursachen man nur spekulieren kann.

2. Auf organisatorischer Ebene sind Führungsschwächen, mehrdeutige Aufträge oder Vorgaben, die nicht der Realität entsprechen, sehr Kräfte raubend ( z: B. Mehraufwand durch das Kinderbetreuungsgesetz)!
Ebenso können Diskussionen über mögliche Privatisierungen auch persönlich stark verunsichern.


3. Auch innerhalb des Betreuerteams ist ein gutes Betriebsklima essentiell. Ungerechtigkeiten, Machtkämpfe, unterschiedliche Berufsauffassungen und chronische Benachteiligung einzelner Teammitglieder führen häufiger zu Burnout.

II: Innere Stressoren

Auf der persönlichen Ebene kann man unterschiedliche Burnout Risiken orten:

  • Der Druck der Verantwortung für Menschen wird unterschätzt.
  • Doppelbelastung Familie und Job.
  • Die berechtigten Ansprüche der eigenen Kinder sind aus Erschöpfung nach einem Arbeitstag oft schwer zu bewältigen, gleichzeitig steigt die innere Unzufriedenheit in der eigenen Mutterrolle nicht sein bestes zu gegeben.

  • Die bittere Erkenntnis, daß der berufliche Alltag in weiten Teilen doch nicht dem entspricht, was man ursprünglich als Idealvorstellung davon erhofft hatte:
    Die Gefahr droht hier, wenn man zwar eindeutig erkennt im falschen Job gelandet zu sein, aber nicht mehr die Kraft aufbringt eine notwendige Neuorientierung durchzuführen.
    Denn selbst wenn Veränderungswunsch innerhalb des bisherigen Tätigkeitsfeldes besteht ( und der Wunsch nach Abwechslung ist bei zuviel Monotonie verständlich ), aber welche Möglichkeiten eines Wechsels gibt es denn tatsächlich?

  • Wenn persönliche, private und familiäre Probleme derart überhand nehmen, daß eine normale berufliche Anforderung nur mehr mit größtmöglichen Anstrengungen zu erreichen ist.

Muster, innere Einstellungen und Bereitschaften als Burnout Risiko:

  • Personen die sehr ehrgeizig und genau sind.
    Sie haben hohe Erwartungen an sich und ihre Umwelt und verstehen manchmal nicht, dass andere Kollegen sich auch berechtigter Weise abgrenzen.
  • Es besteht starke Abhängigkeit von den Erwartungen ihrer Umwelt und extreme Bereitschaft diese zu erfüllen, allerdings auch extreme Angst vor negativen Konsequenzen und Kritik oder gar Ablehnung.
  • Nicht Nein sagen zu können, nichts delegieren zu wollen, keine Grenzen zu setzen führt dazu, sich zu lange und zuviel Arbeit aufzubürden mit dem Gefühl unersetzlich zu sein.
  • Starke Identifizierung mit den anvertrauten Personen, sodass kaum Abgrenzung zum eigenen Privatleben besteht.
  • Unfähigkeit eigene Bedürfnisse neben seiner Berufsrolle wahrzunehmen.
  • Das Gefühl des Überfordertseins in einem helfenden Beruf kann vor sich selbst kaum eingestanden werden bzw. wird als persönliches Versagen gewertet.
    Das abwertende Klischee des "Hilflosen Helfers" hat hier sicher dazu beigetragen. Dennoch ist es eher ein Zeichen von Verantwortungs- bewusstsein, wenn man eigene Schwächen eingestehen und sich Hilfe organisieren kann.


Nach dem zeitlichem Ablauf unterscheidet man 4 Phasen des Burnout-Syndroms (Nach Edelwich & Brodsky):


1. Enthusiasmus
Diese Phase ist gekennzeichnet von Idealen, Begeisterung, Überengagement und teils unrealistischen Erwartungen. Der eigene Selbstwert und das emotionale Wohlbefinden werden eng an den beruflichen Erfolg gekoppelt, eigene Bedürfnisse und Sorgen werden als nicht so wichtig erlebt.
Dieses Überengagement geht mit dem Gefühl einher nie Zeit zu haben, unentbehrlich zu sein und führt zu zunehmender Erschöpfung, Müdigkeit und Energiemangel.
In diesem Stadium werden mahnende Stimmen nicht ernst genommen, da sich die Betroffenen ja gut, eigentlich sogar großartig fühlen und die Gefahr ignorieren.

2. Stagnation
Es beginnt nun der Stillstand, nachdem die erste Welle der Begeisterung abgeklungen ist. Hierbei kommt es zu ersten Erfahrungen mit Grenzen des Machbaren. Ärgernisse wie geringe Bezahlung, zuwenig Wertschätzung und Unterstützung etc. führen zu Enttäuschungen. Wenn Veränderungen erwogen werden, dann höchstens durch verstärkten Einsatz bzw. durch neue Arbeitsstrategien.


3. Frustration
Die eigene Hilflosigkeit und die äußeren Beschränkungen werden deutlich.
Ein Gefühl der persönlichen Machtlosigkeit steht im Vordergrund. Der Widerwille gegen die Arbeit steigt an und es kommt zum Verlust der positiven Einstellung gegenüber Menschen und in weiterer Folge zu zunehmender Distanz zu Mitarbeitern und Schutzbefohlenen.


4. Apathie
Zunehmende Gleichgültigkeit und inneres Abstumpfen lassen frühere
Arbeitsziele und Engagement unwichtig werden.
Kinder und die Arbeit mit ihnen werden zur zunehmenden Belastung.
Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu völliger körperlicher und seelischer Erschöpfung. Die Betroffenen erleben Energielosigkeit, chronische Abgeschlagenheit und eine Reihe von körperlichen Symptomen: erhöhte Krankheitsanfälligkeit, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche, Verspannungen, Übelkeit, Schlafstörungen und vielfältigste psychosomatische Erscheinungen, manchmal Flucht in vermehrten Alkoholkonsum.
Innerlich bestehen tiefe Selbstzweifel und es werden schon geringste Leistungsanforderungen vermieden.
Die Entwicklung geht entweder in Richtung
1.zunehmender Depression mit Selbstzweifel, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit bis zum Gefühl von Sinnlosigkeit und völliger innerer Leere, oder aber zu
2. Aggression in Form von Schuldzuweisungen, Reizbarkeit, Ärger, Launenhaftigkeit und negativer Einstellung zur Arbeit, zu sich selbst und zu Kollegen und Mitarbeitern.
Kontakte zu anderen werden nicht nur beruflich sondern auch privat völlig vermieden: es kommt zu Zynismus und Intoleranz.

Man durchläuft also einen allmählichen Prozess, der von typischen Symptomen begleitet ist. Trotzdem ist ein Vorbeugen aber auch ein Abfangen in jedem Stadium möglich. Der Verlauf ist aber sehr individuell.

Wege für Prävention und Bewältigung:

1. Persönliche Prävention:

  • Verbesserte Selbstbeobachtung.
  • Achten auf Ausgewogenheit zwischen Erholung und Aktivität.
  • Alarmsignale des Körpers ernst nehmen lernen.


2. Fort- und Weiterbildungen:
z.B. Seminare für Zeit - und Stressmanagment, Problemlösetraining, Konfliktmanagement.


3. Supervision:
Dieses Modewort bedeutet, daß eine dafür ausgebildete, psychologisch geschulte, unabhängige SupervisorIn ein Arbeitsteam berät, um Strategien und Lösungsansätze zu entwickeln. Supervision dient in diesem Zusammenhang der emotionalen Entlastung, dem Aufbau oder der Verbesserung sozialer Kompetenzen, der Klärung der beruflichen Identität, sowie dem Umgang mit verschiedenen Rollen und eigenen Grenzen.


Was kann man selbst tun wenn man deutliche Zeichen von Burnout bei sich selbst feststellt?

1. Distanzierung:

Als erster Schritt ist eine sofortige Unterbrechung des üblichen Musters notwendig: Abschalten und verhindern, dass sich berufliches Gedankenkarussell weiter dreht.

2. Regeneration:

Nützlich ist alles, um im Körper den Stresspegel zu senken: Regelmäßiger Sport, Autogenes Training oder andere Entspannungstechniken.

3. Neuorientierung:

Wichtig ist eine genaue Analyse des Ist -Zustandes.
Dazu ist es manchmal hilfreich einen objektiveren Blick von Freunden und vertrauenswürdigen Personen einzuholen.
Finden sie heraus, welche Ihre spezifischen "Energieräuber" sind und welche konkreten Veränderungen wichtig wären.
Überlegen sie, welche Aktivitäten oder Maßnahmen ihnen am meisten Erholung und Energiegewinn zurückbringen können.


Professionelle Hilfe:

1. Einzelcoaching
ist die Betreuung einer Person mit gründlicher Analyse der Situation:

  • Welche Bedürfnisse und Ziele des Individuums werden frustriert?
  • Welche Fähigkeiten sind zu wenig entwickelt?
  • Welche Vorstellungen sind unrealistisch und kontraproduktiv?
  • Welche Umweltbedingungen sind relevant?
  • Wo besteht ein Mangel an Informationen
  • Wo liegen die Ressourcen und Kraftquellen der betroffenen Person

2. Psychotherapie
ist dann indiziert, wenn ein hoher Leidensdruck besteht bzw. die Beschwerden Krankheitswert erreichen, wie Depression, Alkoholmissbrauch und psychosomatische Beschwerden.
Die hier notwendigen Interventionen zielen auf beständige Veränderung der Gesamtpersönlichkeit im Sinne von mehr Gesundheit, positiveren Gefühlen und mehr Lebensqualität.

Was kann man tun wenn man deutliche Zeichen von Burnout bei Kollegen feststellt, die es aber selbst nicht merken (wollen):

  • Gesprächsangebot machen.
  • Nicht anklagen oder verurteilen ( Dies schafft nur Rückzug und Widerstand).
  • Möglichkeiten aufzeigen:
    Supervision , professionelle Hilfe.


Zum Abschluß noch:

Zusammenfassung der zwölf Punkte zur Burnout- Verhütung
( adaptiert nach Freudenberger North 1996):

1. Verleugnen sie nicht ihre grundlegenden Bedürfnisse.
Vertrauen Sie auf die Weisheit Ihres Körpers.

2. Vermeiden Sie Isolation.
Knüpfen oder erneuern Sie enge Beziehungen zu Freunden und Menschen, die Ihnen gut tun.

3. Ändern Sie Ihre Lebensumstände.
Wenn Sie Ihre Arbeit (oder eine Situation ) fertigmacht, versuchen Sie, die Umstände zu ändern oder gehen Sie, falls nötig.

4. Vermindern Sie Ihren verstärkten Einsatz.
Greifen Sie die Bereiche oder Aspekte heraus, in denen Sie sich am meisten überfordern und arbeiten Sie auf eine Erleichterung dieses Druckes hin.

5. Hören Sie auf, sich überfürsorglich zu verhalten.
Wenn Sie gewohnheitsmäßig anderen Menschen Probleme und Pflichten abnehmen, dann lernen Sie, höflich davon Abstand zu nehmen. Versuchen Sie dafür zu sorgen, dass Sie selbst fürsorglich behandelt werden.

6. Lernen Sie NEIN zu sagen.
Das bedeutet, zusätzliche Forderungen oder Ansprüche auch zurückweisen zu lernen.

7. Fangen Sie an, kürzer zu treten und Abstand zu nehmen.
Lernen Sie zu delegieren, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch zu Hause.

8. Finden Sie neue Werte.
Versuchen Sie, die bedeutsamen Werte von den vergänglichen und schwankenden - das Wichtige vom Unwichtigen - zu trennen. Sie sparen Zeit und Energie und fühlen sich besser zentriert.

9. Lernen Sie, Ihr persönliches Tempo zu bestimmen.
Versuchen Sie, ausgewogen zu leben. Sie verfügen nur über eine begrenzte Menge Energie.

10. Kümmern Sie sich um Ihren Körper.
Lassen Sie keine Mahlzeiten aus, quälen Sie sich nicht mit strengen Diäten, geben Sie Ihrem Schlafbedürfnis nach, halten Sie Arzttermine ein. Achten Sie auf gesunde Ernährung.

11. Versuchen Sie, sich so wenig wie möglich zu sorgen und zu ängstigen.
Begrenzen Sie Sorgen, die jeder vernünftigen Grundlage entbehren, möglichst auf ein Minimum - sie ändern nichts, sondern der Stress schadet ihrem Immunsystem!

12. Behalten Sie Ihren Sinn für Humor!


Dr. Helmut Klampfer, Psychotherapeut, Facharzt f. Psychiatrie und Neurologie,
eMail: helmut.klampfer@aon.at

Vortrag auf der gesamtsteirischen Gewerkschaftstagung der Kindergarten-, Hort- und HeimpädagogInnen
Juli 2002

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